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Die Brücke zur Freiheit

© Wilfried Zetsche, Gütersloh (Mai 1976)

Die Geschichte der Berlin Corridor Contingency Plans
Marcus Herbote

Codename Jack Pine
Nach Ende der Berliner Luftbrücke 1949 war den westlichen Alliierten klar, dass es in Zukunft einen Notfallplan für die Millionenstadt Berlin geben müsse, wollte man sie bei einer Belagerung nicht an den Warschauer Pakt verlieren. Die besondere Bedeutung und Wichtigkeit eines entsprechenden Plans wurde nach dem Bau der Mauer im August 1961 noch erheblich verstärkt.

So gründeten Briten, US-Amerikaner und Franzosen am 4. April 1959 ein gemeinsames Hauptquartier, das sie „Live Oak“ nannten. Als Standort hatte man den Ort Saint-Germain-en-Laye 32 km südwestlich von Paris bestimmt. Im Oktober 1960 folgte eine Verlegung ins HQ SHAPE in Fontainebleau. Aktiv blieb das Hauptquartier bis zum Ende des kalten Krieges, aber nach dem Austritt der Franzosen aus der NATO erfolgte eine erneute Verlegung, diesmal in das NATO HQ ins belgische Mons.

Sämtliche Luftoperationen wurden durch eine Unterabteilung von „Live Oak“, mit dem Codename „Jack Pine“, kontrolliert. Dieses lag, wie sollte es anders sein, in der Nähe des USAFE Hauptquartiers in Kinsbach bei Ramstein. Die drei Alliierten erstellten daraufhin die so genannten Berlin Corridor Contingency Plans. Durch die vertragliche Fixierung sollte den Sowjets und der DDR-Führung unmissverständlich klar gemacht werden, dass die Westalliierten in jedem Fall und notfalls unter Waffengewalt, den unbeschränkten Zugang in den Westteil Berlins sicherstellen würden. In dem Fall, dass es zum Abschuss einer Maschine in einem der drei Berlinkorridore durch den Warschauer Pakt kommen sollte, würde das unweigerlich den Beginn taktischer Luftoperationen durch die Westalliierten nach sich ziehen. Dazu hatte jede der drei Luftwaffen Jagdflugzeuge zu stellen, die die Unversehrtheit der zivilen und militärischen Korridor-Benutzer sicherstellen sollten.

Die Royal Air Force stellte anfangs nicht weniger als 16 Javelin FAW.8 des RAF Fighter Command sowie die komplette 14.Sqn. mit Hunter F.6 vom Standort Gütersloh zur Verfügung. Die Javelin hätten dazu von Großbritannien auf die Basis Celle verlegt, damals bereits eine Basis der neuen deutschen Luftwaffe. Dazu kamen verschiedene RAF-Transportmaschinen. Die USAFE hätte nicht weniger als 25 North American F-100 Super Sabre für diese Operationen bereit gehalten. Zusätzlich zu den Staffeln stellte die RAF Germany die notwendigen Funk-, Kommunikations- und Radareinheiten zur Verfügung. Der Erstfall hätte den teilweisen Ersatz der zivilen Linienmaschinen durch militärische Transporter vorgesehen. So kam es in diesem Zusammenhang sogar zu Trainingsflügen von RAF-Besatzungen auf Vickers Viscount der BEA auf dem Weg von Düsseldorf nach Berlin.

Im Rahmen von „Operation Yorkley“ sahen die Pläne der britischen Royal Air Force anfangs drei Phasen zur Überwindung einer Blockade der Korridore vor:

  • Phase 1: Flüge von RAF Comet C.2 ohne Eskorte nach Berlin
  • Phase 2: Flüge von RAF Comet C.2 und gleichzeitige Patrouillen (CAP) durch Jagdflugzeuge im Bereich der westlichen Einflugpunkte zu den Korridoren
  • Phase 3: Flüge von RAF Comet C.2 unter ständiger Eskorte von Jagdflugzeugen durch die Korridore

Die Amerikaner sollten ihre Transporter zwischen Frankfurt, später Wunstorf und Tempelhof, die Franzosen zwischen Fuhlsbüttel und Tegel operieren lassen. Die Pläne der Briten sahen vor, mit Bristol Britannia und Vickers Viscount zwischen Hannover und Tempelhof sowie mit Blackburn Beverly zwischen Celle und Gatow zu fliegen.

In Zeiten ohne besondere Spannungen hatten die Battle Flight´s der RAF Germany die Aufgabe, jederzeit Maschinen bereit zu halten. So war eine Hawker Hunter F.6 der 14.Sqn. in Gütersloh während des Tages in Fünf-Minuten-Bereitschaft, zwei weitere sollten innerhalb von 30 Minuten in der Luft sein. In der Nacht und bei schlechtem Wetter übernahmen die Javelin-Einheiten in RAF Geilenkirchen diese Aufgabe.

Operation Vintage
Am 14. September 1961 kam es schließlich zur ersten Mobilisierung im Rahmen der „Operation Vintage“, ein weiteres Mal wurde das „Jack Pine“ HQ am 8. Februar 1962 mobilisiert. Letzteres geschah, nachdem die Sowjets versucht hatten, den Luftverkehr in den Berlin-Korridoren zu beschränken. Die RAF setzte daraufhin vier Beverly und später vier Hastings für Flüge nach Berlin ein. Gleichzeitig wurde die aus Großbritannien nach Geilenkirchen verlegte 33.Sqn. mit Javelin FAW.9 in 15-Minuten-Bereitschaft versetzt, die Hawker Hunter der Gütersloher 14.Sqn. wurde komplett in Alarmbereitschaft versetzt. Nach Ende der Spannungen, die zwischen Westalliierten und Sowjets zu dieser Zeit fast an der Tagesordnung waren, beendete man die Mobilisierung und kehrte zur normalen Bereitschaft zurück.

Quicksand
Den Alliierten war bewusst, dass dem Zusammenspiel der drei Luftwaffen besondere Beachtung geschenkt werden müsse. So wurde schließlich nach weiteren Gesprächen der Alliierten im Rahmen der „Jack Pine“ Prozeduren die Übung „Quicksand“ ins Leben gerufen. Der Beginn der Berlin-Korridor-Übungen war gemacht!

„Quicksand I“ fand vom 3. bis 7. Juli 1962 unter anderem mit acht Javelin FAW.8 der 85.Sqn. statt. Die Maschinen aus RAF West Raynham konnten wegen erneuter Bahnreparaturen in Gütersloh jedoch nicht von dort operieren, sie flogen von Laarbruch aus. Gütersloh, als nächstgelegene RAF-Basis zur innerdeutschen Grenze und nächster Nähe zu den Berlin-Korridoren, war ein logischer Standort für einen Teil der an den jährlichen Übungen teilnehmenden Maschinen.

Vom 25. bis 28. Februar 1963 fand „Quicksand II“ statt. Javelin der 5. und 11.Sqn. flogen von RAF Celle aus, mehrere Hunter aus RAF Odiham lagen in Gütersloh.

Noch im selben Jahr lief die Übung „Quicksand III“ mit etwas größerer Beteiligung ab. So waren vom 18. bis 21. Juni neben 16 französischen Mirage IIIE auch drei Hunter aus Odiham, drei Javelin aus Geilenkirchen und eine Comet C.2 vertreten.

Gopherwood
Im Jahr 1965 flogen vom 5. bis 11. April 1965 im Rahmen von „Gopherwood“ fünf französische Mirage IIIE, zwei RAF Argosy C.1 und die Battle Flight aus Geilenkirchen von Gütersloh aus. Sechs weitere Javelin operierten von Celle aus. Während dieser Übung wurden die Argosy regelmäßig von sowjetischen Jagdflugzeugen beim Durchflug der Korridore attackiert! Die Piloten der alliierten Jagdflugzeuge wurden aber nicht alarmiert, wohl um die Situation nicht eskalieren zu lassen, doch sie saßen während jedes Fluges einer Argosy durch die Korridore angeschnallt in den Cockpits ihrer Maschinen - in Fünfminuten-Bereitschaft! Die Aktionen der Russen gipfelten in verschiedenen Verletzungen des Berliner Luftraums und der Flugplatz-Kontrollzonen und es fanden sogar Überschallflüge über der Stadt durch sowjetische Jäger statt! Formationsflüge über Westberlin und das gleichzeitige Abfeuern von Übungsmunition folgten als gefährlicher Höhepunkt der sowjetischen Handlungen.

Archive H. Franke 474/13-QL Mirage IIIE EC 1/13, Gütersloh (May 1973) - The silver droptanks were relicts of a time when all FAF Mirage IIIE wore a complete natural metal finish.

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Bold Encounter
Mindestens einmal im Jahr fanden nun die Korridor-Übungen statt, hauptsächlich, um das reibungslose Zusammenspiel zwischen Briten, US-Amerikanern und Franzosen zu trainieren. Teilweise flogen an die 50 Maschinen von verschiedenen Basen aus. Hauptstützpunkt war nun fast ausnahmslos die RAF-Basis Gütersloh.

Die Teilnehmer der späten sechziger sowie der frühen siebziger sind leider nicht bekannt, es dürfte sich dabei aber meistens um etwa dieselben Einheiten gehandelt haben.

Im Jahr 1973 waren auf jeden Fall Mirage IIIE der EC 1/13 aus Colmar-Meyenheim vertreten sowie F-4E der USAFE. Die RAF stellte mehrere Gütersloher Lightnings für die Übung ab.

Archive H. Franke 67-260/BT F-4E 36TFW, Gütersloh (May 1974) - F-4E of 36th TFW were regular participants of the annual exercise "Bold Encounter". In the early 80ies the unit swapped it's Phantoms for F-15 Eagles.

Archive H. Franke 466/13-QE Mirage IIIE EC1/13, Gütersloh (May 1974) - Four Mirage IIIE of EC1/13 based at Colmar are lined-up on runway 09 at Gütersloh during the annual exercise "Bold Encounter".

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Bis 1976 waren die Gütersloher Lightning F.2A immer ein fester Bestandteil der Übung. Ein Jahr später kamen vom 10. bis 17. Mai 1974 sechs F-4E der 36.TFW und sechs Mirage IIIE der EC 1/13 von außerhalb. Die RAF steuerte mindestens sechs Lightning F.2A der 19. und 92.Sqn. bei.

Im Folgejahr 1975 ist eine Teilnahme der Amerikaner nicht verbrieft. So gibt es lediglich Berichte über sechs Mirage IIIE und die Gütersloher Lightnings als Manöverteilnehmer. Erst am 30. Mai begann diese Korridor-Übung, sie dauerte bis zum 6. Juni. Im Jahr darauf waren erneut die gewöhnlichen Mirage IIIE und F-4E sowie die Gütersloher Lightnings Teilnehmer des Manövers.

Die Übung des Jahres 1977 fand vom 7. bis 13. Mai statt, es nahmen sechs Phantom FGR.2 der 19.Sqn. aus Wildenrath, die gewohnten sechs Mirage IIIE aus Colmar sowie lediglich fünf F-4E der 50.TFW von der Hahn AB teil. Ein Jahr später wurde ein Teil der Wildenrather Phantom erstmals durch Maschinen der in Wattisham beheimateten 56.Sqn. ersetzt. Die 92.Sqn. stellte nur zwei eigene Phantom ab. Hauptgrund dafür war die verminderte Sollstärke an Maschinen der in Deutschland stationierten Phantom FGR.2-Staffeln von nur ca. zehn Flugzeugen. Durch die Teilnahme einer zweiten FGR.2-Einheit sollte unter anderem die Einsatzbereitschaft der Wildenrather Battle Flight nicht beeinträchtigt werden. Die sechs Hahner F-4E und fünf Mirage der EC 1/13 komplettierten das gewohnte Bild in dem Jahr.

Ausnahmen für den Manöverstandort gab es nur einige wenige. In den Folgejahren war es aber soweit. So flogen die „Bold Encounter“-Teilnehmer vom 2. bis 8. August 1978 und vom 4. bis 11. Mai 1979 von RAF Wildenrath aus, da in Gütersloh die Startbahn verstärkt und die Rollwege verbreitert wurden. Die Basis war für normale Operationen nicht verfügbar, die Harrier und Westland Wessex der Gütersloher Einheiten operierten aber wie gewohnt von dort aus.

Zum letzten Mal kamen die F-4E aus Hahn im Jahr 1980 nach Gütersloh. Zusammen mit fünf Mirage IIIE der EC 13, zwei Phantom der 92.Sqn. und vier der 56.Sqn. verabschiedeten sie sich für alle Zeiten von „Bold Encounter“. Die zwei Hercules der RAF und USAFE und die französische Transall waren von da an in jedem Jahr dabei. Die Übung fand vom 9. bis 16. April statt und damit früher als normal.

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